War­um die­ser Erfah­rungs­be­richt? Weil ich mich in einer beson­de­ren Situa­ti­on wie­der­fand: Ich ver­ei­ne drei Per­spek­ti­ven in einer Per­son – als Autor und Refe­rent für das Beschwer­de­ma­nage­ment, als Arzt mit Ein­blick in medi­zi­ni­sche Abläu­fe und als Pati­ent, der die eige­ne Ver­letz­lich­keit im Kran­ken­haus erlebt hat.

Die Pati­en­ten

Die fach­li­che Behand­lung war über­zeu­gend, die Pfle­ge enga­giert und mensch­lich. Ent­schei­dend jedoch war das ver­än­der­te Erle­ben der Situa­ti­on in der Pati­en­ten­rol­le: Emo­tio­nen und Lei­den beein­flus­sen Wahr­neh­mung und Bewer­tung mas­siv. Was Fach­leu­te in der Theo­rie zu Beden­ken geben, ist in der Rea­li­tät sehr wirk­mäch­tig!

Eine aku­te Dia­gno­se oder Ver­schlech­te­rung löst Stress aus – bei Patient:innen und Ange­hö­ri­gen. Sie führt zu Emo­tio­nen wie Angst, Wut, Trau­er oder Scham. Dies betrifft nicht nur Patient:innen, son­dern auch Ange­hö­ri­ge. Unter­schied­li­che Emp­fin­dun­gen im Sys­tem sind dann ein Nähr­bo­den für Miss­ver­ständ­nis­se und Kon­flik­te.

Ein hilf­rei­ches Modell ist die Leh­re von der Salu­to­ge­ne­se mit den drei Fak­to­ren: Ver­steh­bar­keit, Mach­bar­keit und Sinn­haf­tig­keit. So las­sen sich Ver­lust­ge­füh­le und Ängs­te gut ein­ord­nen und erklä­ren. Pati­en­ten ver­lie­ren Kon­trol­le (Mach­bar­keit), ver­ste­hen Abläu­fe nicht und haben kei­ne Ori­en­tie­rung (Ver­steh­bar­keit), kämp­fen mit Sinn­fra­gen (Sinn­haf­tig­keit). Die­se Reak­tio­nen tre­ten auch im Umfeld der Patient:innen auf.

Mach­bar­keit bedeu­tet, den eige­nen All­tag bewäl­ti­gen zu kön­nen. Vie­le Patient:innen erle­ben im Kran­ken­haus erst­mals Abhän­gig­keit, was Scham und Hilf­lo­sig­keit aus­lö­sen kann.

Ver­steh­bar­keit bedeu­tet, das Gesche­hen ein­ord­nen zu kön­nen. Patient:innen befin­den sich in einer frem­den Welt, oft ohne Erfah­rung. Sie brau­chen kla­re Infor­ma­tio­nen: Was pas­siert, wann, war­um, mit wel­chen Per­spek­ti­ven? Rei­ne Auf­klä­rung reicht nicht – es geht um indi­vi­du­el­le Fra­gen und per­sön­li­che Deu­tungs­mus­ter.

Sinn­haf­tig­keit betrifft die Ein­ord­nung der Erkran­kung in das eige­ne Leben. Krank­heit kann Lebens­ent­wür­fe erschüt­tern. Wird kein neu­er Sinn gefun­den, ent­ste­hen häu­fig Rück­zug, Gereizt­heit oder depres­si­ve Ver­stim­mun­gen.

Dr. med. Heinz Pil­artz ist Arzt, Media­tor und aner­kann­ter Exper­te für pati­en­ten­ori­en­tier­tes Beschwer­de­ma­nage­ment. Als Autor und Refe­rent ver­bin­det er medi­zi­ni­sches Fach­wis­sen mit kom­mu­ni­ka­ti­ver Kom­pe­tenz für eine moder­ne Kli­nik­kul­tur.

Dr. Pil­artz ist u.a. Refe­rent unse­res belieb­ten und eta­blier­ten Media­ti­on-Tages­se­mi­nars, das für BBfG-Mit­glie­der ein­mal jähr­lich kos­ten­frei ange­bo­ten wird. Sichern Sie sich bereits jetzt Ihren Platz für die nächs­te Durch­füh­rung im Novem­ber 2026.

Patient:innen sind mehr als ihre Erkran­kung. Wer­den die­se Ebe­nen nicht berück­sich­tigt, ent­ste­hen Kon­flik­te und Beschwer­den. Das betrifft den engen Kreis von Fami­lie und Freun­den, mehr noch das pro­fes­sio­nel­le Feld.  Schon klei­ne Ges­ten der Auf­merk­sam­keit kön­nen viel bewir­ken.

Die Ärz­te

Mei­ne Erfah­run­gen als Pati­ent zeig­ten die typi­schen Schwä­chen im Kli­nik­all­tag. Wenig Kom­mu­ni­ka­ti­on, knap­pe Arzt­kon­tak­te, z.T wider­sprüch­li­che Anwei­sun­gen. Wich­ti­ge Infor­ma­tio­nen – etwa zum Befund, zum wei­te­ren Ablauf oder zu Risi­ken – wur­den kaum ver­mit­telt oder erst auf Nach­fra­ge.

Aus eige­ner ärzt­li­cher Erfah­rung weiß ich, wie kom­plex der All­tag im Krank­haus ist: Zeit­druck, orga­ni­sa­to­ri­sche Auf­ga­ben und unter­schied­li­che Infor­ma­ti­ons­be­dürf­nis­se der Patient:innen erschwe­ren eine indi­vi­du­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on. Auch per­sön­li­che Fak­to­ren wie Sym­pa­thie oder Stress beein­flus­sen Gesprä­che. Es ist nicht an den Bedürf­nis­sen von Pati­en­ten ori­en­tiert, die­sen mit­zu­tei­len „dass der Ton auf die­ser Sta­ti­on etwas rup­pig ist“.

Den­noch bleibt ein struk­tu­rel­les Pro­blem: Ärzt:innen fokus­sie­ren sich oft auf die Krank­heit, wäh­rend Patient:innen ver­ste­hen wol­len, was die­se für ihr Leben bedeu­tet. Für sie sind Zusam­men­hän­ge, Per­spek­ti­ven und kon­kre­te Aus­wir­kun­gen ent­schei­dend.

Hin­zu kommt ein Rol­len­ge­fäl­le: hier der Fach­mann, dort der abhän­gi­ge Pati­ent. Ärzt:innen sind dafür nicht allein ver­ant­wort­lich, soll­ten sich des­sen aber bewusst sein und aktiv gegen­steu­ern.

Medi­zi­ni­sche Kom­pe­tenz, tech­ni­sche Fähig­kei­ten und kom­mu­ni­ka­ti­ve Stär­ke sind sel­ten glei­cher­ma­ßen aus­ge­prägt. Unter Zeit­druck wer­den oft die eige­nen Stär­ken prio­ri­siert – Kom­mu­ni­ka­ti­on bleibt dabei manch­mal auf der Stre­cke. Hier besteht Hand­lungs­be­darf.

Beschwer­de­ma­nage­ment

Ich selbst habe das Beschwer­de­ma­nage­ment nicht genutzt, da ich ein klä­ren­des Gespräch füh­ren konn­te. Den­noch zeigt mei­ne Erfah­rung typi­sche Mus­ter:

Hin­ter Beschwer­den ste­hen oft Emo­tio­nen wie Ent­täu­schung oder Ver­let­zung. Die­se las­sen sich nicht allein durch sach­li­che Klä­rung behe­ben. Häu­fig sind Beschwer­den Stell­ver­tre­ter für tie­fer­lie­gen­de Unzu­frie­den­heit. Des­halb ist direk­ter Aus­tausch oft unver­zicht­bar.

Wenn Beschwer­den ein­zel­ne Per­so­nen betref­fen, sind vie­le Ursa­chen mög­lich: Miss­ver­ständ­nis­se, feh­len­de Sym­pa­thie oder unter­schied­li­che Erwar­tun­gen. Beschwerdemanager:innen müs­sen unter­schei­den, was auf indi­vi­du­el­le Wahr­neh­mung zurück­zu­füh­ren ist und wo tat­säch­lich Feh­ler vor­lie­gen.

Im zwei­ten Fall soll­ten immer Gesprä­che mit allen Betei­lig­ten statt­fin­den. Wie­der­ho­len sich Beschwer­den über ein bestimm­tes Ver­hal­ten, sind wei­ter­ge­hen­de Maß­nah­men not­wen­dig – unab­hän­gig von Hier­ar­chien.

Beschwer­de­ma­nage­ment und Qua­li­täts­ma­nage­ment sind eng ver­bun­den. Die Ana­ly­se von Beschwer­den kann Hin­wei­se auf struk­tu­rel­le Pro­ble­me geben. Beschwer­den sind damit nicht nur Kri­tik, son­dern auch Ent­wick­lungs­chan­ce.

Ein Bei­spiel: Stan­dar­di­sier­te Ent­las­sungs­pro­zes­se könn­ten vie­le Unsi­cher­hei­ten ver­mei­den. Vie­le Infor­ma­tio­nen las­sen sich struk­tu­rie­ren und für eine Viel­zahl von Fäl­len klar kom­mu­ni­zie­ren. Patient:innen soll­ten nicht nur über Risi­ken infor­miert wer­den, son­dern auch dar­über, wel­che kör­per­li­chen Reak­tio­nen nach Ein­grif­fen nor­mal sind, wann ärzt­li­cher Kon­takt nötig ist und wel­che Ein­schrän­kun­gen gel­ten. Ergän­zend hilft eine ein­fa­che Fra­ge: „Haben Sie noch Fra­gen?“

Beschwer­den kön­nen frü­he Warn­si­gna­le für Fehl­ent­wick­lun­gen sein. Ein lösungs­ori­en­tier­tes Beschwer­de­ma­nage­ment trägt dazu bei, die­se früh zu erken­nen und gegen­zu­steu­ern. Ziel soll­te nicht nur die Bear­bei­tung ein­zel­ner Fäl­le sein, son­dern die Ver­bes­se­rung von Pro­zes­sen und Kom­mu­ni­ka­ti­on.

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